An einem Wochenende hat Antonia mit ihrem 7-jährigen Sohn vier Spiele gebaut. Ohne eine Zeile Code. Ein Geldsammler-Spiel, ein Burgverteidigungs-Spiel, ein Piratenspiel und ein Affe-Minenarbeiter-Spiel. Das Werkzeug dahinter heisst Vibe Coding: Du beschreibst einer KI, was du willst, und sie schreibt den Code für dich.
Das Spannendste an der Geschichte: Der Junge hat seine Ideen per Spracheingabe formuliert, unstrukturiert, wie Kinder reden. Und Claude hat zurückgefragt: Soll es ein Tower-Defense-Spiel werden, wo Angreifer in Wellen kommen? Oder ein Action-Spiel, wo du direkt steuerst und schiesst? Ab da haben sich die Kinder reingekniet: Figuren ausgedacht, Regeln bestimmt, Welten gestaltet. Die Grafik war meilenweit von Nintendo entfernt. Aufhören wollten sie trotzdem nicht. Weil es ihre Ideen waren.
Was für Kinderspiele funktioniert, funktioniert auch für deinen Arbeitsalltag.
Was Vibe Coding ist
Vibe Coding bedeutet: Software entsteht im Dialog mit einer KI. Du beschreibst in normaler Sprache, was das Programm tun soll. Die KI schreibt den Code, zeigt dir das Ergebnis und du sagst, was anders werden soll. Beschreiben, anschauen, nachbessern. So lange, bis es passt.
Du musst den Code dabei nicht verstehen. Deine Aufgabe ist eine andere: wissen, was du willst, und beurteilen, ob das Resultat brauchbar ist. Das ist dieselbe Kompetenz, die du beim Delegieren an Menschen brauchst.
Im KI-Level-Modell gehört Vibe Coding zu den oberen Stufen: Du nutzt KI nicht mehr nur für Texte, sondern baust dir eigene Werkzeuge. Der Weg dorthin ist kürzer, als die meisten denken.
Die Einstiegshürde ist kleiner als gedacht
«Du bist halt auch ein Nerd.» Diesen Satz hat Antonia zu hören bekommen, nachdem sie zum ersten Mal Claude Code ausprobiert hatte, ein Entwickler-Werkzeug, vor dem sie sich lange nicht getraut hatte. Eine Anleitung hat sie bewusst abgelehnt. Eine Stunde später: «Ich hab's geschafft!»
Ihre Antwort auf den Nerd-Vorwurf: Nein. Ich probiere einfach aus. Wer wartet, bis er sich bereit fühlt, wartet lange. Und wer nicht weiterkommt, ist nie allein: Die KI-Tools selbst erklären, debuggen und begleiten.
Dass das kein Einzelfall ist, zeigen unsere Hackathons. An einem Kader-Anlass haben wir Teams ohne jede Programmiererfahrung begleitet. In 90 Minuten entstanden echte, funktionierende Apps: Dashboards für Bauprojekte, ein Energie-Analyse-Tool, ein Facility-Management-Cockpit. Was wir erwartet hatten: viele Hände, viel Erklären, viel Debuggen. Was wir erlebt haben: Konzentration, Energie und Teams, die einfach gemacht haben.
Die Lehre daraus: Menschen unterschätzen systematisch, was in kurzer Zeit möglich ist, wenn man ihnen die richtigen Werkzeuge gibt und sie loslässt.
Dein erster Versuch in vier Schritten
1. Wähle eine kleine, echte Aufgabe
Nimm nichts Geschäftskritisches und nichts mit sensiblen Daten. Gut geeignet für den Anfang:
- ein Rechner für etwas, das du regelmässig ausrechnest (Offertkalkulation, Ferientage, Spesen)
- eine Checkliste oder ein Formular für einen wiederkehrenden Ablauf
- ein kleines Dashboard, das Zahlen aus einer Tabelle übersichtlich zeigt
- oder, wie bei Antonia, ein Spiel. Spielen ist die beste Lernumgebung.
Wichtig ist nur: Es soll dich wirklich interessieren. Motivation schlägt Methodik.
2. Beschreibe statt zu programmieren
Öffne ein KI-Tool deiner Wahl, viele Chatbots zeigen kleine Web-Apps direkt in der Oberfläche an. Beschreibe dein Vorhaben wie einem fähigen Praktikanten: Was soll das Tool tun? Wer nutzt es? Wie soll es ungefähr aussehen? Bitte die KI, Rückfragen zu stellen, bevor sie loslegt. Genau diese Rückfragen machen aus einer vagen Idee ein brauchbares Konzept.
3. Iteriere in kleinen Schritten
Die erste Version wird nicht perfekt sein. Das ist der Normalfall, nicht das Scheitern. Schau dir das Resultat an und gib konkretes Feedback: «Der Knopf soll grösser sein.» «Rechne in Franken statt Euro.» «Speichere die Einträge.» Eine Änderung pro Runde. So behältst du den Überblick und lernst nebenbei, wie das System auf deine Anweisungen reagiert.
4. Kenne die Grenzen
Vibe Coding ist stark für persönliche Werkzeuge, Prototypen und interne Helfer. Es ersetzt keine professionelle Softwareentwicklung. Sobald Kundendaten, Logins, Zahlungen oder viele Nutzer-/innen im Spiel sind, brauchst du Fachleute, die Sicherheit und Wartung beurteilen. Die ehrliche Faustregel: Baue selbst, was nur dir dient. Hol Profis, sobald andere davon abhängen.
Häufige Fehler
- Zu gross starten. Die komplette Firmensoftware als erstes Projekt scheitert sicher. Ein Ferientage-Rechner nicht.
- Aufgeben, wenn etwas nicht funktioniert. Fehlermeldung einfach zurück in den Chat kopieren. Die KI repariert ihren eigenen Code meist selbst.
- Alles auf einmal ändern wollen. Zehn Änderungswünsche in einer Nachricht enden im Chaos. Eine nach der anderen.
- Sensible Daten einbauen. Kundendaten und Passwörter gehören nicht in Experimente. Nutze Testdaten.
- Warten, bis du dich bereit fühlst. Bereit wirst du durchs Machen, nicht vorher. Antonias Stunde mit Claude Code begann ohne Anleitung.
Dein nächster Schritt
Reserviere dir am Wochenende oder an einem ruhigen Abend eine Stunde. Wähle eine kleine Aufgabe, beschreib sie einer KI und bau deine erste eigene Anwendung. Es zählt nicht, ob sie schön wird. Es zählt, dass du erlebst: Ich kann das.
Diese Stunde ist übrigens keine verlorene Freizeit, sondern Lernzeit der besten Sorte. Warum solches Ausprobieren mehr bringt als mancher Kurs, liest du im Beitrag über AI Quality Time.